29. April 2020

Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Luft- und Raumfahrtbranche

– Harte und langfristige Einschnitte zu erwarten – 

Stuttgart, 28. April 2020. Die Luft- und Raumfahrtbranche ist mit weitreichenden bis zu existenzbedrohenden Folgen von der Corona-Krise betroffen. In einer aktuellen Umfrage des Bundesverbands der deutschen Luftfahrtindustrie (BDLI) sehen sich zwei Drittel der Unternehmen in der Luftfahrtbranche mit harten Einschnitten konfrontiert.

„Die Corona-Krise führte zu einem dramatischen Einbruch des weltweiten kommerziellen Luftverkehrs. Dadurch sind Airlines unter Druck geraten und verschieben oder streichen geplante Flugzeugabnahmen“, stellte der Vorsitzende des Forums Luft- und Raumfahrt Baden-Württemberg (LR BW), Prof. Rolf-Jürgen Ahlers, am 28. April fest. Dementsprechend passen die Flugzeughersteller ihre Produktion an, ganz zu schweigen von der geplanten Verstaatlichung von Alitalia, der geplatzten Übernahme von Condor durch LOT und den Problemen von South African Airways sowie der Lufthansa. Insbesondere Airbus reduziere die Fertigungsraten um 45 Prozent und habe bereits zeitweise ganze Produktionslinien geschlossen. „Dies“, so Ahlers, „hat unmittelbare Auswirkungen auf die Luftfahrtzulieferindustrie und führt zu Planungsschwierigkeiten und Liquiditätsengpässen, die bis zu wirtschaftlichen Existenzproblemen führen“. Deutschlandweit seien insgesamt 2.300 Betriebe und 111.500 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von der aktuellen Lage betroffen.

Baden-württembergische Zulieferindustrie stark betroffen

Bereits Ende März berichtete ein Drittel der vom LR BW befragten Mitgliedsunternehmen von Behinderungen in den Lieferketten. Zwar wurde die aktuelle Geschäftslage zu diesem Zeitpunkt noch als befriedigend eingestuft, jedoch blickten mehr als zwei Drittel der befragten Unternehmen pessimistisch in die Zukunft. Zudem stehen die Lieferketten unter Druck. Insbesondere der Außenhandel mit Frankreich, Italien, Schweiz und Spanien ist eingeschränkt und führt zu Lieferengpässen. Darüber hinaus fehlt es an Halbfertigzeugnissen und Rohmaterial. Nachfrageseitig hat sich die Situation seit der Corona-Krise wesentlich verschlechtert.

In der aktuellen BDLI-Studie, an der sich deutschlandweit insgesamt über 400 Unternehmen beteiligten, darunter 68 Unternehmen aus Baden-Württemberg, rechnen dieser Tage fast 90 Prozent mit weitreichenden oder sogar mit existenzbedrohenden Folgen aus der aktuellen Situation. Zwei Drittel der befragten Unternehmen sind schon jetzt direkt von der Corona-Krise betroffen.

Liquiditätsengpässe noch mehrere Jahre zu erwarten

Insbesondere macht den Unternehmen die Unsicherheit in Bezug auf die zukünftige Planung zu schaffen. Ein Einbruch der Auftragslage und Liquiditätsengpässe werden langfristige Folgen für die Luft- und Raumfahrtindustrie haben. Dies in einer Branche, die vor der Krise zu 90 Prozent finanziell gesund aufgestellt war und jedes Jahr Wachstumsraten über 4 Prozent verzeichnen konnte. Fast 70 Prozent der befragten Unternehmen gaben nach den Worten von LR BW-Geschäftsführer Wolfgang Wolf an, aktuell Liquiditätsengpässe zu spüren. Insbesondere kleine und mittlere Unternehmen der Luftfahrtzulieferindustrie seien davon betroffen. „Allein im Mitgliederkreis des LR BW entsprechen über 70 Unternehmen der europäischen Definition von KMU. Deshalb ist fast die Hälfte der Branche auf Darlehensprogramme von Bürgschaftsbank, L-Bank und KfW angewiesen“, stellte Wolf weiter fest. Ein Fünftel der befragten Unternehmen gehe sogar von der Unabwendbarkeit aus, von Schutzschirmverfahren oder Haftungsfreistellungen Gebrauch zu machen. Genau aus dieser Brisanz heraus pocht die Branche nun auf eine Absicherung durch Fremdkapital und die Stärkung des Eigenkapitals, durch eine Etablierung eines deutschlandweiten Luftfahrt-Fonds. Des Weiteren fordern die Unternehmen eine 100-prozentige Übernahme von Bürgschaften, um eine rasche Liquiditätssicherung zu gewährleisten.

Hohe Innovationskraft muss erhalten bleiben

Die Luftfahrtbranche in Deutschland brachte in den letzten drei Jahren 25-50 Prozent ihrer Investitionen in den massiven Ausbau umweltfreundlicher Technologien und Flugzeuge ein. So stand die Nationale Luftfahrtkonferenz 2019 in Leipzig auch im Zeichen klima- und umweltfreundlicher Technologien. Elektrisches und hybrid-elektrisches Fliegen werden als zentrale Bausteine der deutschen Industriepolitik angesehen. Die Branche gelte zudem als Technologietreiber. „Allein in Baden-Württemberg investieren die Unternehmen mehr als 17 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung und wurden auf den Open-Innovation-Kongress 2020 in Stuttgart als Enabler anderer Branchen hervorgehoben“, machte Rolf-Jürgen Ahlers deutlich und wies damit auf die besondere Bedeutung hin, die hohe Innovationskraft der LuR-Unternehmen zu erhalten.

Dass die Unternehmen der Branche auch noch mittelfristig die heftigen Einschnitte der Corona-Pandemie spüren werden, mache ein weiteres Umfrageergebnis deutlich: Erst ab dem Jahr 2023 gehen die befragten Unternehmen davon aus, wieder das Niveau des Jahres 2019 zu erreichen. Einziger „Lichtblick“ sei, dass sich der militärische und der Raumfahrtmarkt schneller erholen könnten.

Unabhängig davon bleibe angesichts der Krise und der mittelfristigen Überkapazitäten zu erwarten, dass die zivile Luftfahrtzulieferindustrie einem erhöhten Preisdruck ausgesetzt sein werde. Dies resultiere in einer weiteren Schwächung der Liquidität für die Unternehmen. Auf der anderen Seite ergäben sich auch Chancen: Fast 40 Prozent der an der Umfrage beteiligten Unternehmen rechnen langfristig mit einer Second-Source-Strategie der Flugzeughersteller und dadurch mit einer Stärkung des EU-Binnenmarktes. Durch die Corona-Krise träten auch in anderen Branchen die Anfälligkeit der global aufgestellten Lieferketten und deren Abhängigkeiten offen zu Tage, sodass in Zukunft von Stabilisierungsmaßnahmen der Wertschöpfungsketten auszugehen sei.

/ News & Veranstaltungen

Aktuelles
aus der Branche

Aktuelles

Luft- und Raumfahrt Baden-Württembergs in „Starkes Land Baden-Württemberg“

Das LR BW konnte im Rahmen einer Kooperation mit dem Unternehmen Garber Advertising und dem Verlag Ablinger Garber seinen Mitgliedern Sonderkonditionen zu der Sonderstrecke Luft- und Raumfahrt in der Sonderbeilage „Starkes Land Baden-Württemberg“ in der Novemberausgabe des SPIEGEL anbieten und selbst einen Überblick über die Luft- und Raumfahrt-Community im Land geben.

20 Jahre LR BW e.V. –Der Aufbruch in die Welt der Luft- und Raumfahrt ist gelungen: Baden-Württemberg ist erfolgreich unterwegs, den zukünftigen Herausforderungen zu begegnen

Das Forum Luft- und Raumfahrt Baden-Württemberg e.V. (LR BW) feierte am vergangenen Freitag, den 7. November 2025, sein 20-jähriges Bestehen und lud zur 21. Mitgliederversammlung mit anschließender Jubiläumsfeier ein. Die Veranstaltung markierte einen bedeutenden Wendepunkt in der Geschichte des Verbandes: Neben der Würdigung der bisherigen Erfolge wurde ein neuer Vorstand gewählt und die langjährige Führungsspitze verabschiedet.
Aktuelles

LRBW-Praxistag bei DRF Luftrettung und Baden-Airpark

Am 2.10. öffneten Baden-Airpark und DRF Luftrettung ihre Türen für unsere Mitglieder, um Einblicke in ihre Arbeitsweise zu geben, besseres Verständnis für ihre Herausforderungen zu generieren und Anknüpfungspunkte für gemeinsame Aktivitäten zu finden.